Freitag, 14. Juli 2017

Engelchen und Teufelchen

Es ist Freitag, der 9. Juni. Da am nächsten Tag der runde Geburtstag von Schwiegervaddern ansteht, haben meine Eltern sich auf den Weg von Brandenburg nach Niedersachsen gemacht, und nun sitzen fröhlich bei Kaffee und Kuchen sämtliche Elternteile sowie Schatz und ich zusammen.

Und es ist Traumkirche in Hildesheim. Einmal im Quartal ist in der Andreaskirche spät abends, von 22 - 23 Uhr, eine musikalisch-künstlerisch-dichterisch-spirituelle Veranstaltung zu irgendeinem Thema. Ich habe das Vergnügen, diesmal zum Thema 'Lieblingsmensch' dabei sein zu können; ganz konkret begleite ich Heidrun Heinke mit Schumannliedern und darf "You are the sunshine of my life" zum Abschluß singen.



Als ich in die Runde frage, ob nicht jemand Lust hätte, mitzukommen, sagt Schatz sofort "Iiiich muß weg" und löst sich in Luft auf, sein Vater macht "och..." und meine Eltern, die meinen Auftritten, wie klein auch immer sie sein mögen, eigentlich kaum je widerstehen können, brauchen tatsächlich 5 Minuten zur Entscheidungsfindung, denn 22 Uhr ist schließlich schon Schlafenszeit.

Am Ende belade ich Holgi mit Mutter, Schwiegermutter und Vater und wir zuckeln los. Die Veranstaltung ist kurzweilig, die Kirche sehr schön, die Pfarrerin, die den Abschlußtext spricht, unglaublich herzlich und witzig - ich fühle mich ein bißchen wie auf einem Poetry Slam - und alles in allem haben wir Spaß.

Kurz vor halb 12 in der Nacht, also quasi mitten in der gewaltsam unterdrückten elterlichen REM-Phase, machen wir uns auf den Rückweg. Mein Vater schlummert auf dem Beifahrersitz vor sich hin, von der Mütterbank hinten jedoch ist keinerlei Entspannung zu erwarten:
"Hier kannst Du schon blinken", diktiert die Schwiegermutter, für die ich ungeachtet der Tatsache, daß ich exakt diese Strecke jeden Montag zur Chorprobe fahre, ein fahrender Neuling im Landkreis bin.
"Uiuiui" macht meine Mutter leise in jeder Kurve und krallt sich an den Türgriff, obwohl ich selbst das Gefühl habe, Holgi liebevoll mit sanfter Hand um die Kurven zu schieben.
"Da müssen wir links!" - "Ooooohjeeee..." - "Und hier mußt Du aufpassen, hier steht ein fester Blitzer."

"Es ist wie mit Engelchen und Teufelchen auf der Schulter", sage ich leise zu Papa, "nur daß kein Engelchen dabei ist." Der Hauch eines Grinsens zeigt sich in seinem stoischen Gesicht.

"Kind!", schallt es von hinten.

Donnerstag, 6. Juli 2017

Butz!

Freitag Nacht, der TU-Chor Braunschweig und ich haben die Hauptprobe für unser Konzert am 4. Juli hinter uns gebracht, nun fahre ich gen Brandenburg, denn am Samstag soll ich mit dem Ensemble LaFolie auf einem Geburtstag spielen. Holgi (das Auto) und ich haben eine gemeinsame Wohlfühlgeschwindigkeit von 140-160 km/h; nachts eher 140. Es ist kurz vor 22.30 Uhr, wir rollen entspannt über die noch erstaunlich volle A2, hinter uns seit zehn Minuten derselbe Wagen, als es auf einmal BUTZ macht. 
BUTZ, sitzt uns der Hintermann hinten drin. 

In so einem Moment schießen einem die schrägsten Gedanken durch den Kopf. "Brennt nichts, rollen noch alle, mir geht es eigentlich ganz gut - dann kann ich ja einfach weiterfahren" war der schrägste. Nach 5 Sekunden nimmt mein Hirn den Betrieb wieder auf, setzt sämtliche Blinker in Gang und ich fahre rechts ran.

Aussteigen auf der Fahrerseite ist unmöglich, der Verkehr rauscht, als gäbe es in Berlin kostenlose Bananen. Ich klettere über den Schalthebel und ächze mich aus dem Wagen. Ab der Brustwirbelsäule aufwärts schreit mein Rücken um Beachtung. Ich humple zu dem Auto, das mich gerammt hat. Zwei Männer sitzen darin, alles ab der Rückbank ist mit Koffern, Taschen und Blumen gefüllt und das Kennzeichen ist polnisch. Scheiße, denke ich. Scheiße, kein Deutsch, scheiße, keine Versicherung, scheiße, zwei Leute, die sonstwas erzählen könnten, um mir die Verantwortung zuzuschieben - seit mich in Berlin mal ein Diplomat zerlegt hat, bin ich ein extrem gebranntes Kind.

Aber nein: der Beifahrer guckt wie ein verschrecktes Reh, der Fahrer radebrecht, ich solle die Polizei rufen, weil er nix deutsch. Mit Hilfe von viel Gebärdensprache animiere ich ihn, ein Warndreieck hervorzuzaubern. 

Ich rufe die Polizei an, die mich wegen des Verkehrslärms nicht versteht. Der Kollege und ich schreien einander eine Minute sinnlos an, dann lege ich entnervt auf, wackle zu Holgi, setze mich rein und probiere es nochmal. Die Polizistin, die jetzt dran ist, will ganz genau wissen, wo ich bin, und schickt mich ein Kilometerschild suchen. Sie wartet geduldig, während ich hundert Meter den Seitenstreifen entlangstapfe. Auf dem Rückweg fragt sie mich, ob Flüssigkeiten aus den Autos auslaufen. "Keine Ahnung", schreie ich gegen die an mir vorbeirollenden LKWs an, "ich gucke mal drunter, wenn ich wieder da bin." - "Das müßten Sie eigentlich auch riechen können", flötet die freundliche Dame. Ich raste ein bißchen aus. "Hörnse mal", brülle ich in mein Handy, "ich bin hier an der A! Zwei! Und hier ist verdammt! Viel! Los! Hier stinkt es zum Himmel vor Abgasen!"
Da es ohnehin so laut ist, daß ich schreien muß und sie nicht sehen kann, wie ich mir mit der Faust rhythmisch gegen die Stirn trommle, hält sie meinen Kommentar für witzig und lacht perlend. Dann sagt sie, ich solle hinter die Leitplanke gehen - "Gibt es nicht", knurre ich, was sie mit einem unbeschwerten "Ach so, naja, dann halt weiter weg" beantwortet, und fragt mich, ob mein Auto fahrtüchtig sei.

Jetzt mal ganz im Ernst: woher soll ich das wissen? Ich weiß doch nichtmal, wie ein Verbrennungsmotor eigentlich funktioniert. Und so, wie mein Rücken nach Liebe schreit, stellt sich mir eher die Frage, ob ich fahrtüchtig sei.

Dann stehen wir 20 Minuten einträchtig im Gras neben der Autobahn und starren die vorbeirasenden Fahrzeuge an, wie lethargische Rehe, die Brummi-TV gucken. Irgendwann kommen zwei Einsatzwagen, geleiten uns zur nächsten Tankstelle, nehmen unsere Daten auf und der polnische Kraftfahrer tut mir nicht nur den Gefallen, sofort reumütig seinen Sekundenschlaf einzugestehen, sondern hat auch noch eine gültige Zulassung. Das Versicherungsblabla dauert zwar jetzt etwas, aber es läuft.

Mein Rücken meckerte mich bis gestern täglich an, und daß ich doch einen kleinen Schreck bekommen habe, merkte ich an tagelanger Erschöpfung - aber auf der Positivseite sind Holgi scheinbar nur die Parksensoren aus dem Hintern gerutscht und meine Mutter will mich nicht mehr dauernd sehen. 👍🏼
Nicht, daß ich meine Mutter nicht mag - im Gegenteil. Aber dieses Wochenende sind die letzten offiziellen Konzerte, die ich mit dem Cantus Vitalis habe, bevor ich zum September den Chor abgebe, und ein bißchen schwermütig wurde sie da schon, weil ich nicht mehr alle 2 Wochen kommen werde. Aber nun will sie mir die Fahrerei ersparen, was uns beiden den Abschied erleichtert.

Und wenn mich etwas wirklich trösten konnte: das Konzert mit dem Hochschulchor war traumhaft. Aber dazu ein andermal mehr.