Montag, 29. Mai 2017

Der Sir - ein weiterer Abschied

Ich bin überhaupt kein Fan von Kleintieren. Schon gar nicht in Wohnungen. Und schon gar nicht alleine. Ich bin ein Fan von Hunden - großen, tollpatschigen Hunden. Sie müssen nicht übermäßig gut erzogen sein, um mein Herz zu gewinnen. Mir ist egal, ob jemand eine moddrige Tatze auf meine weiße Hose legt, wenn er mich dabei glücklich anhechelt.

Folgerichtig hatte ich einen Labrador, als ich 26 war. Felix war schon 3,5 Jahre alt, aus dem Tierschutz (Retriever in Not, ein prima Verein) und hat mein Leben sehr zum Besseren umgekrempelt. Mit Felix war kein Tag langweilig, kein Abend einsam und kein Essen sicher. Als er drei Jahre später starb (ich hatte ihn schon recht krank bekommen), brach für mich eine Welt zusammen. Ich habe wochenlang Mario Cart gespielt, um mich abzulenken. Meine Schwester, die ganz toll töpfern kann, hat ihm einen Latschen getöpfert (Felix brachte mir immer die Schuhe, wenn er meinte, es sei Zeit für einen Spaziergang), der noch immer auf seinem Grab steht und jedes Jahr liebevoll von meinem Vater mit einem Stiefmütterchen im Topf geschmückt wird. Mein Vater hat im Februar sein Grab in gefrorener Erde ausgehoben und gemeinsam haben wir es wieder zugeschaufelt.

Ich habe zu Felix' Andenken damals eine Webseite gebaut - ca. 1 Jahr später, als ich wieder Bilder und Filme von ihm sehen konnte, ohne zum Wasserwerfer zu werden.

Der Napfsauger

Danach ging einiges schief in meinem Leben, anderes entwickelte sich gut, und insgesamt war es einfach bis heute unmöglich, mir wieder einen Hund zuzulegen.
Allerdings liebe ich Tiere. Genaugenommen mag ich die meisten Tiere mehr als die meisten Menschen. Deshalb hat es mich in den Jahren nach Felix' Tod immer wieder an besonders doofen Tagen getröstet, eine Stunde in einer Zoohandlung zu verbringen. Ich habe Kaninchen und Meerschweinchen angeguckt, Fische, Vögel, Hundespielzeug, das hat mich einfach getröstet. (Ja, ich weiß, das hört sich etwas seltsam an.)
Meine Eltern legten sich einen Hund zu, den ich als die würdige Nachfolgerin von Felix betrachte, zumindest, was das Fressverhalten und die Klopsigkeit angeht. Wollte ich also einen Hund Gassi führen, konnte ich das jederzeit.

Und dann kam der Tag, als es mal wieder beruflich einen totalen Tiefpunkt gab, und ich in Eberswalde in eine winzige Zoohandlung ging, wo ich früher immer das Hundefutter gekauft hatte. Ich sah mich nur um, wie immer, doch diesmal kam die Verkäuferin angeschossen und sagte: "Ich habe hinten noch ein Kaninchen. Wollen Sie das mal sehen?" Warum nicht, dachte ich. Häschen sind ja ganz okay.

Im Hinterraum war nichts außer einem Kaninchengehege in Hüfthöhe, das vielleicht einen Quadratmeter groß war. Darin saß ein echt kleines Kaninchen. Die Verkäuferin öffnete das Gehege, nahm den Hasen raus und setzte ihn mir auf den Arm. Davon waren wir beide nicht so richtig begeistert - der Hase nicht und ich auch nicht.

Ich setzte ihn also auf den Fußboden, er hoppelte ein wenig verwirrt herum und die Verkäuferin flötete "Sehen Sie, er ist ganz zutraulich!" - "Ähä", machte ich skeptisch-bestätigend. Ich hatte keine Ahnung von Hasen, vielleicht galt es ja schon als zutraulich, wenn er nicht mit 180 Sachen abhaut.

Und dann legte die Zooladenfrau los: "Wissen Sie, er ist jetzt vier Monate alt, und niemand will ihn haben. Wenn er bis nächste Woche nicht hier weg ist, kommt er in den Zoo, sagt der Ladenbesitzer - und zwar als Futter!" Ich guckte sie schockiert an.
"Und mein Freund", fuhr sie fort, "der ist schon ganz entnervt, weil ich immer die ganzen Tiere mit nach Hause nehme, die niemand haben will. Bitte, wollen Sie ihn nicht nehmen? Die komplette Grundausstattung dafür habe ich schon privat gekauft, die schenke ich Ihnen dazu, wenn der Kleine nur nicht verfüttert wird."

So kam ich statt zum erträumten Riesenhund zu einem Zwergkaninchen.

Ich nannte den Hasen Sir Malachy, weil ich im Jahr vorher in Nordirland die Kirche von Saint Malachy in Bangor besucht hatte und der Kleine in seinem weißen Fell ein braunes Kreuz auf dem Rücken hatte und darüberhinaus das würdevolle Verhalten eines Adligen an den Tag legte.

In der ersten Woche verließ er die Transportbox nicht. Er war völlig verschreckt.

In der zweiten Woche baute ich ihm ein Rundgehege aus Metallgittern, die man zusammenstecken konnte. Er war mäßig begeistert.

Nach einem Vierteljahr wurde er kastriert, eine für uns beide traumatische Erfahrung. Als ich ihn abholen kam, lag er reglos auf dem noch blutigen OP-Tisch

 der nicht sehr hygienisch wirkenden Praxis und die Tierärztin stubste ihn zweimal an mit den Worten "lebt der noch?", um mir dann auf meinen fassungslosen Blick hin zu erklären, er hätte am Anfang gezuckt, so daß sie nachnarkotisiert hätte. Dann streckte sie ihre im blutigen Handschuh steckende Hand nach meinem Geld aus. Gruselige Frau, sehr gruselig.

Nach und nach lernten wir einander kennen. Sirchen war immer top frisiert:




Er war ein ausgesprochen entspannter, chilliger Typ, außer natürlich wenn der Staubsauger kam.


Im Laufe der Monate stellte ich sein Futter komplett auf ausschließlich Grünzeug um



und verwandelte meine Wohnung in ein Häschenparadies. Mein PC-Kabel verlief in Hüfthöhe (schmeckt, schmeckt, schmeckt), die Hälfte der riesigen Wohnküche wurde durch die Hasengitter abgeteilt, die kurzerhand auseinandergesteckt und quer durch die Wohnung gezogen wurden, ich kaufte Spielzeug und Heu und eine nie funktionierende Tränke.

Irgendwann lernte ich meinen Freund kennen. Ich glaube, ich erwähnte schonmal, daß er riesig ist und der Sir winzig war - und es war Liebe auf den ersten Blick. Er hat nicht verstanden, warum jemand ein Kaninchen braucht, aber mein Gott, das habe ich ja selbst nicht verstanden, bis der Sir gerettet wurde.

Da ich beruflich oft 14, 16 Stunden unterwegs war, war der Sir oft alleine, und so sahen wir schnell zu, daß er Gesellschaft bekommt. Mein Freund und ich fuhren mehrmals ins Tierheim Berlin, wo wir sehr kompetent beraten wurden, und holten schließlich eine Freundin für den Sir.


Lady Margery. Die Lady war zu Beginn eine echte Herausforderung für den Sir - offenbar hatte er nicht sehr unter dem Alleinsein gelitten, litt jetzt aber sehr wohl darunter, daß "die alte Hexe", wie mein Freund sie nennt, ihn herumscheuchte. Egal, wohin sich der Sir setzte, die Lady fläzte sich breit vor ihn und wünschte zu kuscheln.


Möhrchen hatte er auch nicht mehr für sich alleine, und wenn Madame aufgegessen hatte, stubste und boxte sie ihn solange, bis er ihr unter den Hocker folgte - ihr war völlig wurscht, ob der Sir vielleicht noch essen wollte.


Das kann einen Mann fertigmachen.


Aber schließlich gewöhnten sie sich auch aneinander, paßten aufeinander auf, warnten sich gegenseitig mit Klopfen, wenn ich mal wieder unerlaubt die Kiste saubermachen wollte und teilten sich ihre Snacks. Die Tapete zum Beispiel.


Wir drei zogen letzten Spätsommer zum weltbesten Freund, wo wir alle viel Liebe und viel Platz in der neuen Wohnung bekamen - diesmal wurde nur eine kleine Ecke des Hasenzimmers abgetrennt, und zwar nicht etwa für die Kaninchen, sondern für mich und meinen Schreibtisch.


Gestern hatte der Sir keinen Appetit. Mein Freund, der wieder zur Meisterschule mußte, wollte sich mit einem Leckerchen verabschieden, und der Sir hat es nicht genommen. Sofort gingen in mir sämtliche mütterlichen Alarmglocken los. Der Sir frißt nicht! Wir probierten es etwas später nochmal, und wieder fraß er nicht. Da er jedoch Wasser trank, dachten wir, vielleicht hat er nur eine etwas schwere Verdauung oder so. Sollte es heute immer noch so sein, wollte ich mit ihm zum Tierarzt.

Doch als ich heute früh ins Hasenzimmer kam, war er schon tot. Maggie hat das noch nicht richtig verstanden, sie ist wie immer, gottseidank auch scheinbar völlig gesund. Andererseits war der Sir das auch. Nun sieht er sich bestimmt neugierig auf der großen, ewigen Hasenwiese um.




Ich vermisse ihn.

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