Mittwoch, 15. Juni 2016

Mobbing

Aus: 101 Gründe, warum ich meinen Freund liebe

Mein Freund steht in der Wohnung, in einer offenen Tür, und liest irgendwas auf seinem Handy. Ich lehne mich mit dem Rücken an seinen Bauch. Geistesabwesend krault er mir eine Schulter.
"Iiiich habe ein Hoooohlkreuz", singsange ich leise. Dann drehe ich mich um. "Jetzt habe ich einen Buuuuckel!" Mein Freund bleibt unbewegt stehen, sein Blick hebt sich aber vom Handy. Ich drehe mich wieder zurück. "Ich habe ein Hooooohlkreuz!" Ich drehe mich um.
"Ich fühle mich gemobbt", sagt er. Dann grinst er und gibt mir einen Kuss.

Sonntag, 12. Juni 2016

Eigene Homepage


Da ich ab August ja wirklich vollkommen freischaffend arbeiten werde, habe ich beschlossen, meine Kompetenzen mal geschlossen auf einer offiziellen Homepage zusammenzufassen. Hier ist sie:


Erreichbar über www.ankesmusiksalon.de

Samstag, 11. Juni 2016

Orakel in Gefahr

Aus: 101 Gründe, warum ich meinen Freund liebe

"Du solltest wirklich vor Deinem Umzug die Hasen weggeben", sagt meine Mama.
WAAAAAS?!? denke ich. DIE KINDER AUSSETZEN?!
"Ähm", sage ich. "Ähm. Nein."
"Du bist doch dann bestimmt auch viel unterwegs, wer soll denn dann immer den Hasenstall saubermachen, etwa Dein Freund, na der wird sich bedanken, Du belastest doch damit gleich Eure Beziehung!" sagt Mama in einem Atemzug und meine Schwester nickt.

Ich bin kurz still. Meint sie das ernst? Sie guckt jedenfalls so. Als mein damals-noch-nicht-Freund das erste Mal in meiner Wohnung war, hat er als allererstes beim Anblick von Sir Malachy seine 2 Meter Körperlänge zusammengefaltet, das Häschen angelockt und es 10 Minuten gestreichelt, wobei er ungefähr die Sorte sinnlosen aber glücklichen Gebrabbels von sich gegeben hat, das Omas neugeborenen Enkelkindern zugurren. Niemals werde ich diesen Anblick vergessen.
"Er mag die Hasen auch", sage ich schließlich.

"WAAAS?!?" sagt mein Freund, als ich ihm das am Telefon erzähle. "DIE KINDER AUSSETZEN?!"
Und eine halbe Stunde nach dem Telefonat schreibt er mir, wenn ich ohne Hasen komme, wird er ernstlich böse. Schließlich habe er uns alle drei lieb, weshalb er auch gerade seine komplette Wohnung auf den Kopf stellt, damit wir dort glücklich sind.
"Na dann", schreibt meine Mama mir, "dann müßt Ihr eben damit leben. Es ist doch wunderschön, wenn man so geliebt und verstanden wird."
Vermutlich meint sie 'ein Glück, daß Du jemanden gefunden hast, der genauso bekloppt ist wie Du', und Recht hat sie.

Das Hasenorakel spricht:

Auch das niedlichste Orakel
Wird zuweilen zum Debakel,
Läßt man es, um sich zu laben,
Munter in der Kiste graben.
Überallhin fliegt der Dreck,
Menschensklave, mach das weg!

Donnerstag, 9. Juni 2016

Ultimativ vorbereitet

Kennt Ihr das, wenn Euch jemand fragt, ob Ihr bei etwas mitmachen wollt, und Ihr sagt "och ja, warum nicht" und dann kommt es immer dicker?
"Willst Du mich auf 'ner Hochzeit begleiten?" fragt mich ein Bekannter. "Ist nur ein Lied."
"Och ja, warum nicht", antworte ich.
"Sie wünschen sich in der Kirche Unheilig - Unsterblich", sagt er. Ich versuche, die Worte in meinem Kopf zu sortieren.
"Ähäää", mache ich, um mir meine Ahnungslosigkeit nicht anmerken zu lassen. "Hast Du Noten?" (Ich MUSS diese Frage stellen. Ich kann natürlich nach Chords spielen, aber ich bin nunmal ein altes Klassikschwein; ich liebe Noten. Noten sind Freunde, die mich an der Hand nehmen und sagen: komm, wir führen Dich durch diese unbekannte Landschaft und halten auch die Taschenlampe. Noten sind toll.)
"Nö", sagt er. (Verdammt.) "Die Chords müssen wir uns wohl selbst raussuchen."
Wir. Ich ahne Schlimmes.
"Wo genau heiraten sie denn?", frage ich.
"In der Nähe von Frankfurt, in einem Dorf an der Oder."
Ich google. Anderthalb Stunden Fahrt.
"Ich melde mich dann nochmal wegen der genauen Adresse", sagt der Sänger und legt auf.

Das ist drei Wochen her. Nach einer Woche ruft er nochmal an und schlägt ein zweites Lied als Überraschung vor. Es geht um einen Mann, der seiner Angebeteten sagt, er wisse, daß sie ihn niemals lieben würde, aber man könne sich ja praktisch arrangieren. Ich lehne das Lied ab. Ich bin sonst kein kategorischer Typ, aber würde mich jemand auf meiner Hochzeit mit sowas überraschen, wäre ich nicht begeistert.
Ich schlage 'What a difference a day makes' vor - der Sänger und ich kennen uns vom Jazz, das kennt er also garantiert. Er ist einverstanden.
"Welche Tonart möchtest Du haben?", frage ich.
"Na so ungefähr", sagt er und singt ins Blaue hinein. Alles klar, sagt mein Innenohr, D-Dur.

In einer Stunde muß ich los. Ich habe keine Adresse. "Wir" haben "uns" auch nicht die Chords herausgesucht - es gibt nämlich keine. Ich habe stattdessen den gestrigen Abend damit verbracht, ein Kunstwerk aus der Klasse "lass uns mal schnell zusammen mucken" zu erschaffen, indem ich mir Youtubevideos reingezogen habe.

Das wird bestimmt ganz fein. Schließlich sind wir ultimativ vorbereitet.

Mittwoch, 8. Juni 2016

Fast ein schlechtes Gewissen

Mein Bundeswehrkumpel, der ein großer World-of-Warcraft-Held ist und Angst vor dem realen Leben hat, ist zum Straßenkulturfest in Eberswalde gekommen. "Wie hast Du ihn rausgelockt?" fragte mich gestern jemand aus meinem Chor. - "Ich habe ihm einen Befehl erteilt", antworte ich. "Funktioniert immer."
Während ich zunächst das Hochschulorchester beim Tag der offenen Tür der HNEE dirigiere und mich später am Nachmittag um meinen Chor auf dem Marktplatz kümmere, übernimmt mein Freund die Hundesitterpflich… äh, den Bundeswehrkumpel. Nennen wir ihn der Einfachheit halber KRAPOTKE.
"Jens hat angeboten, uns nachher nach Hause zu fahren", sagt mein Freund und zeigt auf Krapotke. Ich zucke zusammen. "Warum nennst Du ihn denn Jens?" - "Na, so heißt er doch." - "Aber das ist doch nicht seine Schuld!" (Ich nenne Krapotke konsequent bei seinem Zockernamen, der ist viel schöner.)
Mein Freund marschiert mir den Nachmittag über hinterher, füllt literweise Apfelschorle in mich ein, applaudiert am lautesten und treibt verspätete, quatschende Sänger zum Einsingen, Krapotke latscht mit und fühlt sich ein wenig hin- und hergerissen zwischen zu viel Kultur und endlich mal raus. Irgendwann murmelt er fast unhörbar, er müsse mal. "Hier gibt's überall Toiletten", sage ich, "guck mal auf den Plan", und wir schlendern weiter. Zwei Stunden ohne Toilette später wiederholt Krapotke den Hinweis auf seine Bedürfnisse. Ich seufze. "Krapotke und ich gehen mal auf's Klo", sage ich zu meinem Freund, der schlagartig breit grinst.
"Wer ist Krapotke?" fragt Krapotke unterwegs zu den Toiletten.
"Das ist der stumpfsinnige Bundeswehrtyp ohne Freunde aus den Känguru-Chroniken, der von allen immer gemobbt wird, aber am Ende des dritten Teils ist er dann irgendwie ganz cool, so im Rahmen seiner Möglichkeiten", antworte ich und erfülle meine Muttipflichten, indem ich ihn zur Kreisverwaltung dirigiere. Krapotke boxt mich auf den Oberarm - ausgleichende Gemeinheit.

Dann folgt unser Chorauftritt. Mein Chor singt wunderbar. Leider merkt er es selbst nicht, da die letzte Reihe die ersten nicht hört, die linke Hälfte die rechte nicht und jeder kaum sich selbst wegen des Abluftgebläses vom Crêpes-Wagen hinter uns und weil open air einfach immer schwierig ist.
Mein Freund, den ich beauftragt habe, ein bißchen mit dem Handy mitzufilmen, damit ich nachher einen Eindruck von dem habe, was das Publikum hören konnte, nimmt mich später am Abend beiseite und in den Arm und sagt: "Ich wollte Deinen Chor filmen, aber dann konnte ich das ganze erste Stück die Kamera nicht von Dir wegnehmen. Es ist so toll, Dich bei der Arbeit zu sehen, zu sehen, wie stark die Sänger auf Dich reagieren - jetzt verstehe ich, warum Du 400 Kilometer pendeln willst. Jetzt habe ich fast ein schlechtes Gewissen." Awwww.

(Aus: 101 Gründe, warum ich meinen Freund liebe)

Zum Glück hat er sich dann eingekriegt, Krapotke sein Bier halten lassen und noch 2 Titel mit Chor drauf gefilmt. ;-)



Am nächsten Tag gehen wir ins Kino - Warcraft. Das war lange verabredet, immerhin haben wir alle einander in diesem Spiel kennengelernt. (Ja, echt jetzt. Ich kenne meinen Freund aus World of Warcraft. Wir spielen schon ewig nicht mehr, aber wir waren mal ein spitzen Tank-Duo!) Wir sind dort alleine mit einem 14jährigen und seinen Eltern. Die Eberswalder Nerdszene ist echt übersichtlich.
Danach wollten wir noch romantisch essen gehen, aber mein Freund hat am Samstag spontan Krapotke dazugeladen, also gehen wir unromantisch essen.
Wir haben einen Tisch draußen in der Alten Brauerei reserviert. Es ist abendlich mittelwarm, ein leichter Wind geht und die Tische stehen zur Straßenseite. Ich habe nicht erwartet, daß am Sonntag noch viel Verkehr ist, aber ich habe mich geirrt. Krapotke stören die Autos weniger, ihn stört der Wind. Er gibt Sätze wie "Mimimi erkältet mimimi" von sich, als der Kellner die Getränkebestellung aufnehmen will, so daß wir fragen, ob es drinnen auch noch einen Tisch gibt, weil einer von uns leider krank zu werden droht. Der Kellner grinst und nickt, dann zückt er den Kugelschreiber.
"Einen Kiba bitte", sage ich.
"Ein großes Bier", sagt mein Freund.
"Und 'n Pfefferminztee für den Herrn, richtig?" ergänzt der Kellner mit todernstem Gesicht.
"Ihr seid alle scheiße", sagt Krapotke und bestellt auch ein Bier.


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