Dienstag, 13. März 2018

Angekommen / Interessiert Euch das?

Wir sind umgezogen. Wir nennen jetzt ein Häuschen mit Garten sowie zwei alte Hunde unser Eigen, von denen einer immer gut gelaunt ist, aber schlecht riecht, während der andere olfaktorisch neutral, aber fremdenfeindlich ist.

Es ist perfekt.


Hätte ich mir an irgendeinem Punkt in meinem Leben das perfekte Arbeitszimmer erträumt, sähe es so aus, wie mein Arbeitszimmer jetzt aussieht (okay, es fehlt noch ein Stutzflügel...), und auch die Hunde sind absolut einverstanden, vor allem an einem grauen Tag wie heute:




In die leeren Fächer des Regals kommen noch meine Noten, die derzeit noch woanders in der Stadt sind, und an die Rückseite des Schreibtischs wird mein Stage Piano gestellt, dann kann ich wieder richtig zu Hause arbeiten. An den Vormittagen, an denen der Freund von der Nachtschicht ausschläft, kann ich einfach mit einer Tasse Kaffee bewaffnet Arrangements schreiben, während Stinki und Knurri auf dem Teppich schlafen. Heute getestet und für wundervoll befunden - zu Hause arbeiten ist großartig.

Das führt mich zu folgenden zwei Fragen:

1.) Ich würde gerne mal das Format Vlog für mich ausprobieren, also Video-Bloggen. Ich möchte über chorrelevante Themen sprechen (Amateurchöre, versteht sich) und Dinge, die man als Leiter von Amateurchören vielleicht ausprobieren könnte, um musikalisch voranzukommen. Was haltet Ihr von der Idee? Gibt es etwas, das Ihr da unbedingt besprochen haben wollen würdet?

2.) Ich schreibe häufig Chorsätze, gelegentlich auch eigene Kompositionen, für diverse Chöre, von sehr einfach (Papas Kirchenchor) über solide Qualität (Cantus Vitalis) bis YEEEEHAAAAAA (hat bisher noch keiner gesungen). Besteht da von Eurer Seite her Interesse an einer Auflistung der bereits vorhandenen Sätze oder eventuell sogar an einem Downloadbereich auf meiner Homepage (falls ich das technisch hinkriege)?

Freitag, 26. Januar 2018

Umwege

Ich fahre durch Brandenburg. Mein Ziel ist die Musikakademie in Schloss Rheinsberg, wo ich ein Probenwochenende mitmachen darf.
Ich bin extra schon in Wollin von der A2 abgefahren, um brandenburgische Alleen genießen zu können. Das kostet mich eine Dreiviertelstunde, schenkt mir aber ein zufriedenes, leicht nostalgisch-heimwehiges Lächeln. Beim Durchfahren der Stadt Brandenburg überkommt mich kurz wieder jenes Lebensgefühl, das ich die letzten Jahre ganz selbstverständlich hatte, der Ossi-Frust: Strampeln, ohne jemals irgendwo anzukommen, kämpfen ohne Aussicht auf Erfolg, vertrauen und enttäuscht werden, das alles empfinde ich beim Anblick der Graffitti und der zerschlagenen Fenster.

Doch dann kommen die kleinen Dörfer mit ihren Auen, in deren Mitte winzige Kirchen stehen. Die Örtchen mit nur einer Straße, neben der es auf jeder Seite erstmal fünf Meter Grünstreifen gibt, dann den Bürgersteig und dann die Häuser, teilweise mit Bänken davor. Es kommt der Wald. Den Wald von Brandenburg vermisse ich oft. Er ist märchenhaft - moosiger Boden unter wilden Sträuchern; wo die Forstwirtschaft noch viel tut, sind Stangenwälder, Kiefer an Kiefer an Kiefer. Wo er wild sein darf, sind Birken und Buchen zwischen den Kiefern. Als Kind kannte ich nur vielleicht ein Viertel meines Heimatdorfes, aber viele Quadratkilometer des umgebenden Waldes.

Ich fahre hinter Neuruppin an den alten Bunkern vorbei. Daneben steht jetzt ein Firmenschild: „Pipi-Meyer“. Ich überhole uralte, winzige Frauen mit Kopftüchern und Koboldgesichtern, die mitten auf den Dorfstraßen spazieren gehen. Ihre Augen und Lippen sind so schmal und es sind so viele Falten  in den kleinen, breiten Gesichtern, als hätte eine Lebensspanne voll Gravitation sie langsam, doch unaufhaltsam zusammengepresst, als sei der stählerne Widerstand des Rollators alles, was sie dem endgültigen Hinlegen entgegenzusetzen hätten.

Kurz hinter Neuruppin kommt Nebel auf, aber nur auf den Feldern links der Straße; rechts bleibt es klar. Mir kommt vor, jemand wollte das Land sanft tröstend zudecken. Als hätte es sich das Knie aufgeschlagen. Wir, denke ich misanthropisch. Wir haben dem Land das Knie aufgeschlagen.

Dann komme ich an mein Ziel. An diesem Wochenende assistiere ich der Leiterin meines ehemaligen Chores an ihrem ersten Probenwochenende mit ebendiesem Chor.

Donnerstag, 11. Januar 2018

Lieder über Krieg und Frieden

Der Chor der TU Braunschweig, den ich leite, singt ja keine Weihnachtskonzerte, da das Semester erst Ende Januar endet. Ich finde zwar Weihnachtskonzerte wunderbar, halte das aber dennoch für eine tolle Sache, denn es entspannt meinen Dezember und ich muß nicht mit allen Chören die Hälfte jeden Jahres inhaltlich dasselbe machen.

Nun ist es soweit: Die Konzerte des TU-Chores stehen an. Morgen geht es für uns ins Probenwochenende, nächste Woche sind wir dann schon in St Andreas in Braunschweig und am Dienstag danach in der TU-Aula.

Es wird ein schönes, abwechslungsreiches Programm geben: Brahms, Schütz, Lukowsky, Weelkes, Nysted und anderes.


Sonntag, 17. Dezember 2017

Happy birthday

Zwei der wichtigsten Personen haben heute Geburtstag:

"Echte Kunst ist eigensinnig"-Beethoven


und "Leckerchen! Leckerchen"-Nele:



Happy Birthday!


Mittwoch, 6. Dezember 2017

Ding Dong...

...merrily on high!

Ein Jahr habe ich jetzt den Ö-Chor.
Ein Jahr Schweiß und Tränen. (Mein Schweiß, Männertränen, is klar, ne?)
Am Ende des zweiten Adventskonzerts dankt (!) mir die Männerriege "für die besondere Betreuung während des Jahres" und den Chordamen laufen die Lachtränen.

Und dann macht mir jemand nach dem Konzert das ultimative Kompliment:




Samstag, 11. November 2017

Thank you for your opinion

Ich, beim Arzt, das ist eigentlich immer irgendwie skurril-witzig. Schon allein, weil ich vegan esse. Aber manchmal ist es noch skurriler und witziger.

Seit 2 Monaten habe ich starke Schmerzen in der rechten Hand, vor allem nachts und morgens. Ich kann die Finger nicht gut beugen, nicht einmal eine Wasserflasche aufschrauben, alles blöder Mist. Im Laufe des Tages verflüchtigt sich das weitgehend, aber dennoch wollte ich etwas dagegen unternehmen.

Ich gehe zum Orthopäden, warte 3 Stunden (kein Termin), werde schließlich ins Untersuchungszimmer gerufen und nach 20 Sekunden Erklärung der Symptome mit einer Packung Ibu800 beschenkt. "Äh", sage ich, "und das bekämpft die Ursache?" - "Ich habe keine Ahnung, was die Ursache ist", sagt der Orthopäde entwaffnend ehrlich, "aber vielleicht hilft's ja. Ansonsten gehen Sie halt zum Neurologen."

Ich versuche es mit den Ibus. Die Schmerzen werden stärker. Ich sage 4 Konzerte ab, bei denen ich hätte Klavier spielen sollen, und ärgere mich mächtig. Dann gehe ich zum Neurologen - zum Glück für mich kennt jemand jemanden, der kurzfristig einen Termin für mich macht und eigentlich nur Musiker behandelt.
Er läßt mich in Ruhe erklären, dann dreht und drückt und schiebt er meine Arme in diverse Himmelsrichtungen, dann guckt er sich mein Handgelenk im Ultraschall an und juchzt regelrecht freudig, als er sagt: "Seeehr schöne Hände, wirklich seeeehr schöne Hände haben Sie! Kein Karpaltunnelsyndrom, im Gegenteil, die sehen aus wie gemalt! Und so gute Muskeln vom vielen Üben!"Dann erklärt er, ich sei insgesamt übermäßig schmerzempfindlich und verschreibt mir ein Neuroleptikum, das angeblich nach 10 Tagen wirken soll, indem es die Empfindlichkeit senkt; außerdem sagt er, ich solle mal vom Hausarzt Blut abnehmen und es auf rheumatische Faktoren untersuchen lassen.

Nach drei Wochen gebe ich auf und setze das Zeug wieder ab. Es hat mich dauermüde gemacht, emotional habe ich mich wie ein Wattebausch gefühlt und ich hatte permanent einen enormen Durst. An einem Dienstag in Braunschweig habe ich 3 Liter während der Probe getrunken und hatte immer noch das Gefühl, jemand hätte einen toten Hamster auf meiner Zunge abgelegt. Gut unterrichten und proben ist verdammt schwer, wenn man eine viel zu trockene Zunge kaum benutzen kann. Und die Hand? Unverändert.

Ich gehe zum Hausarzt. Damit das Blutabnehmen nichts kostet, entscheidet die Arzthelferin, mit mir gleich einen Ü-35-Check zu machen. (Ich fühle mich schrecklich dabei, weil es mich in so eine Altersscchublade steckt und weil an meinem inneren Horizont schon drohend die regelmäßige Darmkrebsvorsorge auftaucht.)
Sie komplimentiert mich auf eine Liege, auf der ich es mir halbfrei bequem machen soll, und klebt mir ein paar Saugnäpfe an den Körper. Offenbar gehört ein EKG bei uns alten Leuten standardmäßig dazu - ist ja auch besser, wenn man rechtzeitig gewarnt wird, daß es bald vorbei ist, damit man den Hund noch im Testament bedenken kann und dergleichen.

Ich bitte darum, daß bei den Blutwerten auch nach Vitaminen geschaut wird, da ich als Veganer ja B12 supplementiere. Der Arzt sieht das anders: "Also wenn Ihnen irgendwas nicht fehlen dürfte bei Ihrer Ernährung, dann sind das doch Vitamine!" Klasse, denke ich, mal ein Arzt ohne Vorurteile. "Ich würde eher davon ausgehen, daß Ihnen Eisen fehlt!" fährt er fort und ich revidiere meinen letzten Gedanken.

Als ich zur Auswertung 2 Tage später im Sprechzimmer sitze, sieht er mich ernst an.
"Machen Sie Ausdauersport?" fragt er. Ich zögere nur ganz kurz (Videospiele zählen vermutlich nicht), bevor ich den Kopf schüttle.
"Erstaunlich", meint er. "Sie haben einen total konstanten, starken Ruhepuls von 49. Sowas haben sonst nur Radsportler." Ich zucke mit den Schultern.

Dann sieht er mich noch ernster an.
"Und", frage ich extrafröhlich, "Im Blut alles in Ordnung?"
Er schüttelt den Kopf. "Nein, es ist durchaus nicht alles in Ordnung."

Ich gucke wohl ein bißchen erschrocken...


...jedenfalls setzt er gleich hinterher, es sei auch nichts Schlimmes, ich hätte kein Rheuma, aaaaaber - TADAAAA - er habe Recht gehabt, es sei so wie er befürchtet habe, ich hätte einen Eisenmangel! Ha!

Ich denke "Whaaat?!" Dann druckt er mir die Ergebnisse aus und markiert meinen eklatanten Eisenmangel mit einem orangen Textmarker.

43, steht da. Bei einem Mindestwert von 45.

"Dreiundvierzig, Alter, drei-und-vierzig?!" will ich rufen, aber ich mag meinen Arzt, deshalb nehme ich einfach die Liste entgegen



danke dem Arzt für das Rezept über ein Eisenpräparat und verspreche artig, es zu nehmen,


verlasse die Praxis, steige ins Auto und beginne laut zu lachen.

Bevor ich Veganer wurde, lag mein Eisenwert zwischen 6 und 8. Anders ausgedrückt: Mir geht's fantastisch, alles richtig gemacht.


Und meine Hand? ... Reden wir einfach nicht mehr drüber, vielleicht geht's ja davon weg.

Sonntag, 22. Oktober 2017

... und schreib ein Buch!

Wer hier regelmäßig liest, weiß es ja: Ich pendle nicht mehr nach Brandenburg. Ein Jahr lang haben der Cantus Vitalis und ich versucht, so etwas wie einen Status Quo aufrecht zu erhalten, indem ich alle 2 Wochen die Tour Alfeld-Eberswalde absolviert habe, zuletzt noch mit eingeschobenen Proben des TU-Chores und des Ensemble LaFolie auf dem Hin- bzw. Rückweg, während in den Wochen dazwischen alle vier Stimmen selbständig geprobt haben. Es war für beide Seiten sehr anstrengend, hat allerdings auch wirklich neues Potential in uns allen eröffnet. Dennoch - auf Dauer war das kein Zustand für einen Chor und einen Dirigenten. Ich brauche Zeit, in meinem neuen Zuhause Wurzeln zu schlagen. Und ein guter Chor braucht einen präsenten Chorleiter, der auch mal spontan sein kann und nicht erst 400 Kilometer fahren muß.

Also haben wir uns verabschiedet. Und wie wir uns verabschiedet haben! Wir hatten drei wunderschöne Konzerte an drei aufeinanderfolgenden Tagen; zwei Wochen später noch ein inoffizielles Konzert zum Geburtstag der Mutter eines unserer Chormitglieder und schließlich eine erweiterte Sommerparty-mit-Verabschiedung.






Ich habe so unglaublich viele gute Wünsche mit auf den Weg bekommen, daß ich noch immer, drei Monate später, total gerührt davon bin. Sie haben mir Mendelssohns "Denn er hat seinen Engeln befohlen" gesungen, im Gegenzug haben unser Stimmbildner (der ebenfalls gerade weggezogen ist) und ich dem Chor ein Abschiedsständchen gebracht; ich habe jedem eine Blume und eine Postkarte geschenkt, vom Chor gab es für mich eine Luxus-Kaffeemühle, eine riesige Tasse und ein Poloshirt mit den Unterschriften aller Mitglieder, und darüberhinaus haben viele noch das Bedürfnis gehabt, mir etwas Persönliches von sich mitzugeben - eine Karte, ein Buch (ich finde Hermann Hesse ganz toll und in Paper blanks bin ich auch total verschossen!), eine Orchidee, ein paar Ampelmännchen-Büroklammern... und die mir ins Ohr geflüsterte Aufforderung "...und schreib ein Buch!" von einer bloglesenden Sängerin.
💖
Nun, das würde ich gerne, wenn ich ehrlich bin, aber meine Gedanken dazu sind noch sehr unausgegoren.





Im September waren schließlich an zwei Tagen die Vordirigate der Interessenten und ich konnte allen zusehen. Das war so unglaublich interessant! Eigentlich sollte man öfter mal den Dirigenten wechseln, nur um zu sehen, wie man als Chor dann dieselben Dinge aus einer anderen Richtung angeht und wie viele faszinierende Sichtweisen es auf ein und dasselbe Stück geben kann. 

Ich glaube, mein Chorkind, das nun erwachsen wird und sich abnabelt, hat eine sehr gute Entscheidung über meine Nachfolge getroffen. Und das ist, wenn ich ehrlich bin, das Ausschlaggebende, das ich zu meiner inneren Beruhigung gebraucht habe. Ich denke, es wird in den nächsten Wochen und Monaten holprig, unvorhergesehen, ungewohnt, unbequem, für den Cantus Vitalis ebenso wie für seine neue Dirigentin, und wenn sich alle neu zusammengerüttelt haben, wird es ganz fantastisch werden.